Photos by Em Pearson & Julia Rae

 

 Schon sein ganzes Leben ist Eddie 9-volt seinem Instinkt gefolgt. Schnell mit Zeitraffer ins Jahr 2019: Sein gefeiertes Debütalbum Left My Soul In Memphis erscheint. Dafür schaltet der begabte Multiinstrumentalist einfach die Verstärker in seinem Wohnwagen ein und – gemeinsam mit seinem Bruder, Produzenten und Songwriting-Partner Lane Kelly – sorgt er für eine der Überraschungen des Jahres. Rock & Blues Muse lobt die Platte als „frisch und lebensbejahend“. Eddie fasst seinen damaligen Durchbruch eher nüchtern zusammen. „‘Memphis’ war ein Nebenprojekt, das unerwartet eingeschlagen ist.“

Heute, mit 24, ist er gewagter denn je und legt als Beweis dafür seine neue Veröffentlichung auf Ruf Records, Little Black Flies, vor. Das Album entsteht im November 2020 in den Echo Deco Studios in Atlanta. Sein Bruder Lane sitzt wieder einmal am Mischpult, außerdem sind etliche renommierte Cracks aus Georgia (darunter auch die Gitarren-Ikone Cody Matlock) mit am Start. Das Album soll laut Eddie 9V wie aus dem Stegreif improvisiert rüberkommen – Hintergrundgeräusche und Studiogeplänkel inklusiv. „Mir ist in dem Kontext etwas aufgefallen“, sagt er. „Die meisten Aufnahmen von heute haben keine Seele. Also ließ ich mich von älteren Platten von Albert Collins, Otis Rush und Mike Bloomfield inspirieren. Das Zusammenspiel meiner Band sollte zwar haargenau sein – aber auch der eine oder andere Fehler sollte dem Spaß keinen Abbruch tun.“

                Geboren im Juni 1996 in der Nähe von Atlanta in eine Familie, die mit Musik nichts am Hut hatte, erinnert sich Eddie heute noch an seine erste Gitarre. „Ich war gerade sechs. Die Gitarre hatte einen eigenen, eingebauten Lautsprecher – eine ziemlich günstige Lösung, oder?“, überlegt er. Eddie folgt dem Vorbild seines Bruders Lane und entscheidet sich für eine vollkommen andere Richtung: Er wühlt neugierig in den Diskografien von Bluesgiganten wie Muddy Waters, Howlin’ Wolf, Freddie King oder Rory Gallagher. „Ich habe die alten Hasen unter die Lupe genommen“, erklärt er.

                Als er noch klein ist, beobachtet er – etwas gefrustet – hiesige Musiker, wie sie mit ihren Instrumenten die sagenumwobenen Musikclubs von Atlanta betreten. „Lokale Legenden wie Sean Costello gehörten zu meinen ersten Helden, ich war aber noch zu jung, um sie live zu sehen“, blickt er zurück. Zutritt zu den Clubs bekommt er erst, als er mit seinen ersten eigenen Bands dort auftritt – darunter eine Cover-Kapelle namens The Smokin’ Frogs und die Blues-Rock-Combo The Georgia Flood. „Die erste Lektion auf dem Weg zum Profimusiker besteht darin, mit Misserfolg umgehen zu können“, sagt er. „Für einen Niemanden ist das Musikgeschäft wie ein Dartspiel. Man hofft einfach, dass etwas hängen bleibt.“

                Ein Schlüsselmoment ereignet sich dann 2019, als er seinen Geburtsnamen Brooks Mason gegen Eddie 9V eintauscht. Seit seiner Umwandlung in den Solokünstler Eddie 9V erntet er nicht nur Lob von der Fachpresse (Blues Blast nannte ihn „ein enormes Talent, das man achten sollte“), sondern hat auch den Respekt seiner Musikerkollegen verdient, die gerne bereit sind, seine Einladung zu den Sessions zu Little Black Flies anzunehmen. „Das sind ausnahmsweise Topleute“, sagt Eddie über seine Studioband. „Gerade deshalb habe ich sie ausgesucht. Brandon Boone, Bassist der Tedeschi Trucks Band ist dabei und auch kein geringerer als Cody Matlock an der Gitarre. Es herrschte eine spannende Stimmung im Studio. Die Energie war spürbar.“

Das Album fängt eine besondere, partyähnliche Atmosphäre ein. Eddie führt seine erstklassige Besetzung durch neun eigenen Titel – ergänzt mit drei klassischen Coverversionen – und krempelt dabei ganz nach eigenen Bedingungen das Soul-Blues-Genre um. „Beim Titelsong geht es um das Verliebtsein in ein Mädchen, das über mir wohnt und misshandelt wird. Um das Gefühl, in diese Situation eingreifen zu wollen. Es geht tief“, erzählt er. „Bei ‚3AM In Chicago‘ spreche ich die ungerechten Arbeitsbedingen der Schwarzen in den USA an, die weniger verdienen als Weißen, und was wir deswegen tun können. ‚Puttin’ The Kids To Bed‘ ist schlicht ein lass-und-schnell-zur-Sache-kommen Song.“

Mit Little Black Flies schließt sich ein Kreis: Der minderjährige Junge, der einst draußen vor den Clubs in Atlanta herumgelungert ist, geht mit den besten Musikern des Bundesstaat Georgia ins Studio. „Mein Job ist es, sie zum Lächeln zu bringen und Musik zu machen, bei der sie alles vergessen können oder, die sie an das Schöne im Leben erinnert.“