Ghalia kann man nicht übersehen. Sie ist die geborene Rockgöttin in der Lederjacke, die böse lächelt, während sie dir aus dem Flachmann in der Hintertasche etwas Hochprozentiges anbietet. Aber das, was so richtig nach dem Süden schmeckt, sind die Songs. Nachdem ihre Durchbruchplatte „Let The Demons Out“ von 2017 mit reichlich New Orleans-Flair daher kam, taucht die in Brüssel geborene Sängerin und Songwriterin nun noch tiefer in die musikalischen Traditionen des amerikanischen Südens hinein. Dafür reiste sie in die berühmte Hill Country-Region von Mississippi, wo eine Gruppe von anerkannten Musikern aus der Gegend ihre Songs brandheiß umsetzten. Das ist Mississippi Blend: Ein Album so feurig und potent wie schwarzgebrannter Schnaps aus dem Delta.

Vor sechs Jahren war Ghalia noch Geheimtipp. Tagsüber spielte sie auf der Straße in der belgischen Hauptstadt. Abends mischte sie die hiesigen Bluesclubs auf. Doch als eingefleischter Fan von Blues und R&B konnte sie den Lockruf der USA nicht ewig widerstehen. Ihr Weg ging von Chicago über Memphis bis nach  Nashville. Überall im Heimatland des Blues wurde sie gut aufgenommen. Innerhalb kurzer Zeit war Ghalia als Headliner heiß gehandelt.

Bald kombinierte sie auf Let The Demons Out den Groove von New Orleans mit ihrer ganz eigenen Punkrock-Attitüde; dank der Mitwirkung des Bassisten Dean Zucchero, des Gitarristen Smokehouse Brown und des Mundharmonikaspielers Johnny Mastro von der legendären New Orleans-Combo Mama’s Boys schlug diese Debüt-Scheibe sowohl kommerziell als auch im kreativen Sinn wie eine Bombe ein. Das Album schaffte es auf Platz #1 auf Louisiana's Roots Music Report, Platz #15 auf dem national Contemporary Blues Chart und Platz #23 beim Living Blues Charts und wurde von Classic Rock als Bluesalbum des Monats ausgezeichnet  („Sie ist eine unwiderstehliche Kraft“).

Wie es sich für eine Musikerin mit Blues im Blut gehört, sehnte sich Ghalia schon immer danach, eine Platte in Mississippi aufzunehmen. Sie hatte eine klare Vision für Mississippi Blend: Das Album sollte ungeschliffen klingen und konnte deshalb nur im Herzen der Hill Country entstehen, wo die Besten dieser Region ihren Stempel darauf drücken konnten. „Rauh und natürlich“, bestätigt die Sängerin ihre Klangvorstellungen. „Mit nur wenigen Mikrofonen, Bleeding mit eingeschlossen, eine traditionelle Herangehensweise mit modernen Einflüssen.“

Lediglich ein Tonstudio kam dafür in Frage. Das Zebra Ranch-Studio in Coldwater, Mississippi - Hauptquartier des preisgekrönten Produzenten Jim Dickinson - ist in Sachen Old School-Produktion eine führende Adresse. Hier wurden bereits Titanen wie T-Model Ford und R.L. Burnside auf Platte verewigt. Ghalia ließ sich von der geschichtsträchtigen Umgebung aber nicht einschüchtern. Mit eigenen Songs und einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein im Gepäck ließ sie sich vom Geist Mississippis inspirieren. „Mein Ziel bei diesem Album war vor allem ein natürlicher Sound, der von den Hill Country-Einflüssen, vom Punk und Garage und dem Rock'n' Roll geprägt ist, der mein Startpunkt als Musikerin war. Ich versuche nicht irgendeinen Stil zu imitieren, sondern vertraue auf meine Songs als treibende Kraft.“

Als Songtexterin liefert Ghalia ihre bisher stärkste Leistung. „In der Poesie von Meet You Down The Road geht es um den tragischen Verlust eines geliebten Menschen“, erläutert sie. „Drag Me Down ermutigt den Hörer, immer weiter nach den selbstgesteckten Zielen zu streben. Squeeze ist ein erotisches Liebeslied, das als süße, spielerische Geschichte verpackt wird. Don’t You Sell Your Children? prangert eine durch Habgier moralisch arm gewordene Gesellschaft an, in der der nächste logische Schritt, um noch ein paar Dollar zu verdienen,  der Verkauf der eigenen Kinder wäre.“

Gesanglich versetzt Ghalia Berge und spielt dazu Dobro und Slidegitarre mit viel Gefühl. Eine One-Woman-Show ist die Platte aber keineswegs. Zucchero und Brown trieben die Musik stets nach vorne. Dazu kamen täglich neue Gäste vorbei. Am Schlagzeug saß u.a. Cody Dickinson von der gefeierten Combo North Mississippi Allstars und Cedric Burnside, dessen gekonnter Umgang mit der Hill Country-Tradition seinen Vater und Großvater stolz gemacht hätte. Der erfahrene Mundharmonika-Spieler Watermelon Slim glänzt beim Duett mit Ghalia bei Wade In The Water mit seinem staubtrockenen Groove. Lightnin’ Malcolm – der als Gitarrist viel zur Vitalität der Hill Country-Szene beigetragen hat – liefert feurige Soli. „Diese Aufnahme“, schwärmt Ghalia, „war eine absolut wunderbare Erfahrung.“

Dieser Flachmann in der Hintertasche? Greif ruhig zu. Das, was drin steckt, hat es bestimmt in sich. Ebenso wie Mississippi Blend – ein Roots-Cocktail, der knallt wie kein anderes Album, das du in diesem Jahr hören wirst. Die Sängerin bringt ihre Begeisterung dafür auf den Punkt: „Ich kann es kaum erwarten, dieses Album live zu präsentieren.“